START-Wien: Künstlerische Reise zum Mt. Everest

Nicht ohne Stolz begrüßen wir dreizehn StipendiatInnen des START-Programms, die ihr Kunstprojekt an der Zeichenfabrik absolvieren. Der Verein START-Stipendien Österreich fördert SchülerInnen mit Migrationshintergrund und unterstützt sie bei ihrem Schulabschluss (Matura). In dem Bildungsprogramm, das seine Ursprünge in der Kunstförderung hat, nimmt Kunst einen wichtigen Stellenwert ein. Wir erarbeiten mit den Jugendlichen ein Silent Book zum Thema “Die Reise”. Geleitet wird der Workshop von unserer Dozentin Ana Paola Castro Villegas.

»In unserer Zeit sind “Silent Books” wichtig. Zum einen können mit diesen Büchern Sprachgrenzen überwunden werden – ohne dass Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen, kann erzählt und verstanden werden. Zum anderen kann man sich in Bildern unmittelbar und anschaulich ausdrücken. Es kann sehr überzeugend über Gesellschaft, Kulturen und Realität kommuniziert werden.« – Ana Castro Villegas

Start – und los geht’s

Als ich mit einem Gefühl freudiger Neugierde den Kurs besuche, herrscht ein lockeres Hin und Her zwischen den jungen Menschen, die verteilt in zwei Räumen arbeiten. Die StipendiatInnen sind zwischen 16 und 19 Jahre alt, die meisten leben seit zwei bis drei Jahren in Österreich, einige sind hier geboren. Sie zeigen sich offen und erzählen gerne über ihre Arbeiten. Ich bin überrascht, hervorragendes Deutsch zu hören und fühle mich wohl in dieser freundschaftlichen Atmosphäre.

Die Gruppe

Ana Castro Villegas ist im Dauereinsatz; sie beantwortet Fragen und steht jedem mit Rat und Tat zur Seite: Ich werde Zeugin von einem Gespräch über Proportionen, Formate und Größen. Sie erklärt, wie man eine Lasur anlegt und mit der Schwerkraft aquarelliert. Es wird auch am Computer gearbeitet, der aber soll erst zum Schluss beim Layout so richtig zum Einsatz kommen. Obwohl viel gelacht und gescherzt wird, ist klar ersichtlich, dass der Kurs nicht nur gefällt, sondern das Projekt allen wichtig ist.

Ana in Aktion

In Bildern reisen

»Bei “der Reise” geht es um Perspektiven: Was ist meine Perspektive, wenn ich von hier nach Italien reise? Fahre ich mit dem Fahrrad, dem Bus oder fliege ich dorthin? Unsere Reise ist eine fiktive Reise, nicht eine, die wir schon gemacht haben. Es gibt unzählige Möglichkeiten zu reisen: Wir suchen verschiedene Bilder zum Thema, aus Büchern, dem Internet, Museen etc. So bilden wir einen Background.« – Ana Castro Villegas

Um Beispiele für Reisen ohne Worte zu zeigen, hat Ana eine kleine Bibliothek mitgebracht: Die Bücher sind vorwiegend in französischer, italienischer und spanischer Sprache – das entspricht Anas Kulturkreis und zugleich den Ländern, in denen besonders ansprechende Illustrationsbücher zu finden sind. Ich blättere einige durch und finde Stile und Methoden, die auch Ana in ihrem Kurs vermittelt: Collage- und Schablonen-Techniken, Stempel in allen Formaten; gemalt wurde meist mit Tusche, Acryl- oder Aquarellfarben. Der Großteil der Bücher ist für Kinder, darunter auch ältere Exemplare – Silent Books sind universal und zeitlos.

Ana spricht über ein Illustrationsbuch, das nur Himmellandschaften zeigt: »… schließlich versteht man, dass es sich um eine Ballonfahrt handelt […]. Oder die Reise könnte immer blau sein – und am Ende passiert etwas Rotes. Ich könnte eine Reise durch Katzenaugen machen – meine Katze begleitet mich, und ich erzähle, was sie sieht. Oder ich fahre nach Bologna. Was ist Bologna? Die Stadt in Italien oder die Pizzeria an der Ecke?« – Ana Castro Villegas

Bei “Silent Book” ist für Ana der Prozess – von der Idee bis zur fertigen Illustration – das Interessante. Durch das Finden neuer Perspektiven sieht man die Welt und sich selbst anders; damit zu spielen ist spannend: »Es geht um Erfahrungen. Kunst kann etwas in einem selbst ‚schönmachen‘. Wer eine schlechte Erfahrung gemacht hat, kann eine gute machen, indem er sie malt. Kunst kann eine Art Katharsis bewirken – man kann mit Bildern eine schöne und sichere Welt erschaffen.« – Ana Castro Villegas

Hoch hinaus

Ich blättere durch die Flipcharts der letzten Kurstage und finde Aufzeichnungen über das Format, das die Geschichten der TeilnehmerInnen auf vier Doppelseiten festlegt. Auf den nächsten Charts befinden sich Schemata über das Anlegen eines Storyboards und Übungen um einen Charakter (Protogonisten) zu finden. Schließlich treffe ich auf die Ideen für das Reiseziel: Die Jugendlichen haben ein gemeinsames Ziel ihrer Reise erarbeitet – einen Ort, den alle erreichen möchten. Die Geschichten – wie man dorthin gelangt – werden trotzdem völlig unterschiedlich sein. Ich sehe, dass es viele Vorschläge gab: Mallorca, Berlin, der Mars etc. Geeinigt haben sich die StipendiatInnen auf den Mt. Everest. Toll, sie wollen hoch hinaus!

Reiserouten und Perspektiven
Schritt für Schritt

Ein Mädchen hat einen Hund. Gemeinsam möchten sie den Gipfel des Mt. Everests erklimmen. Da kommt ein Wolf und tötet den Hund. Das Mädchen ist sehr traurig, doch es klettert weiter, fällt und kullert den Berg hinab. Am Abend träumt das Kind, wie es als Baby laufen lernte: Es ist hingefallen und immer wieder aufgestanden. Am nächsten Morgen folgt es dem Traum: Langsam, Schritt für Schritt geht es voran und gibt nicht auf, bis der Gipfel erreicht ist. (Sana, 17 Jahre, aus Syrien), Abbildung s. Titelbild.

Süßigkeiten und Raketen

Eine Schlange fliegt durch ein Universum aus Süßigkeiten, wird von einem Pegasus gerettet und landet schließlich auf dem Mond Everest. (Munira, 17 Jahre, aus Somalia). Yunadi (18 Jahre, aus Tschetschenien) trifft nach einer Führung durch eine Schokoladenfabrik auf ein Portal, das ihn nach Nord-Korea bringt. Auf einer Atomrakete fliegt er zum Mt. Everest, der sich auf dem Mars, wo schrullige Figuren wohnen – befindet. (Zum Glück hat er nur geträumt.)

Weich gebettet

Ein Kind schläft auf einem Elefanten, der es zum Mt. Everest bringt. Samt dem schlafenden Kind durchquert der Elefant alle Jahreszeiten, muss über eine schmale Brücke und wird von rosavioletten Fischen durch einen Strudel geleitet. Schließlich erreichen sie eine Achterbahn, wo das Kind sachte den Rüssel des Elefanten hinabgleitet, um in einem weichen Bett zu landen, wo es weiterschläft. Das Kind hat die gesamte Reise geschlafen. (Saida, 18 Jahre, aus Afghanistan) Salma (17 Jahre, aus Ägypten) erzählt: Ich reise in einer sicheren Box zum Mt. Everest. Die Reise geht durch eine schwarzblaue Galaxie, die ihre Sterne durch weiße Farbspritzer erhielt. Die Box wandert selbstständig hinauf, bis an die Spitze. Oben lege ich mich in mein Bett und schlafe. Erem (16 Jahre, aus der Türkei/Kurdistan) liegt im Bett und träumt: Ein Boot bringt ihn durch ein Tor ins Weltall, er passiert Galaxien mit verschiedenen Farben. Schließlich kommt er wieder auf die Erde und findet dort den Mt. Everest.

Auf der Suche

Jemand reist durch viele Länder, um Frieden zu finden. Doch es begegnen ihm nur Menschen mit Tierköpfen, die je nach Land variieren. Zu guter Letzt führt ihn seine Reise zum Mt. Everest, wo er nur ein Tier findet – nämlich einen Hund. Die beiden verstehen sich und bauen gemeinsam ein Haus. (Ahsan, 19 Jahre, aus Afghanistan). Fahime (18 Jahre, Afghanistan) erzählt von einem Mädchen, das traurig in ihrem Zimmer sitzt (s. Abb. unten). Ein Bild vom Mt. Everest lässt es beschließen dort hinzugehen. Sie muss einige Schwierigkeiten überstehen, dann aber hat sie Spaß: Sie badet in einem Bergsee, fährt Ski am Mt. Everest und macht Fotos. Und da gibt es die Geschichte der Schlange, die anders sein möchte: Sie verlässt den Wald und ihre trauernde Familie, um in die Berge zu ziehen. Es ist dort gefährlich und viel zu kalt – trotzdem ist die Schlange froh anders zu sein. Bevor sie am Mt. Everest stirbt, hat sie noch etwas Wichtiges zu sagen. (Nour, 18 Jahre, aus Syrien)

Illustration Fahime

Rettung und Freundschaft

Ein Roboter in einer geometrischen Welt möchte auf den Mt. Everest klettern, fällt und wird von seinem Fallschirm gerettet. Als er auf ein Lama trifft, entsteht eine Freundschaft – gemeinsam erklimmen sie den Gipfel. (Mohamed, 18 Jahre, aus Syrien). Reshad (18 Jahre, Afghanistan) lässt sich von Gegenständen helfen: Was braucht man, um den Mt. Everest zu besteigen? In der Technik der Monotypie erstellt er ein Sachverzeichnis an Ausrüstungsgegenständen. Hilfe bekommt auch die Figur in Samiras Erzählung, in der ein Mädchen in einem schönen Haus in einer schönen Landschaft wohnt. Es sieht den Mt. Everest und entscheidet sich hinzugehen. Es muss durch einen dunklen Wald und über den Ozean segeln. Ein Riesenadler trägt sie schließlich zum Gipfel empor. (Samira, 19 Jahre, aus Afghanistan). Bei Nenad (17 Jahre, aus Serbien) reitet der Protagonist auf einem Frosch, steigt um auf einen Wurm und klettert schließlich mit demselben in eine Rakete. Die Rakete stürzt ab, und der Wurm-Freund geht verloren. Ein schwebendes Schiff bringt den Protagonisten zum Mt. Everest, wo die beiden Freunde wieder aufeinandertreffen. Happy End.

Fortsetzung folgt…

Im März werden sich die StipendiatInnen erneut treffen – nicht am Mt. Everest, sondern in der Zeichenfabrik, wo das Projekt fortgeführt wird. Die Illustrationen werden digital verarbeitet – es wird ein Layout erstellt, um die verschiedenen Geschichten in einer Art Anthologie zu einem Silent Book zusammenzufassen.
Wer mehr über das Reisen ohne Worte erfahren möchte, wird gerne hören, dass es eine Ausstellung über das Projekt geben wird: Dort kann man sich dann durch “Die Reise” blättern und sich an den einzigartigen Perspektiven unserer KursteilnehmerInnen erfreuen. Stay tuned!

 

Autorin: Luisa Paumann
Zuerst veröffentlicht auf dem Blog der Zeichenfabrik.